Kurzfilm:
Die ideale Kandidatin
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Eine Psychiaterin, in einer Ordination im 5. Bezirk angesiedelt, beendet nach einem kurzen, abschließendem Gespräch mit ihrer Sekretärin das Videokonferenzprogramm auf ihrem Computer.
Als Standbild erscheint ein ausdrucksstarkes schwarz-weiß Gemälde von Olympe de Gouges, einer Frauenrechtlerin und Revolutionärin der französischen Revolution, die auch als die Verfasserin der Schrift „Die Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ gilt.
Um den Abend entspannt ausklingen zu lassen, widmet sie sich hingebungsvoll einem Glas Wein. Im Hintergrund läuft Klaviermusik.
Ihr Blick fällt auf dieses Bildnis einer anderen Zeit, als sie plötzlich kreischende, verstörende Geräusche wahrnimmt, die direkt aus dem Computer kommen.
Das Gemälde wird lebendig.
Die Psychiaterin traut ihrer Wahrnehmung nicht. Ratten machen dem Leben dieser Frau in dem spärlich beleuchteten Kerker zu schaffen. Fast instinktiv fragt sie, ob sie helfen kann.
Olympe de Gouges, die Frau im Kerker, hat seit Tagen keine menschliche Stimme mehr vernommen. Sie wartet auf ihre Gerichtsverhandlung, die gewöhnlich mit einer Verurteilung zum Schafott endet. Sie sagt, sie könnte das Blut von den anderen Hingerichteten sehen.
Da die Psychiaterin nicht davon ausgehen kann, dass eine Person aus vergangener Zeit mit ihr kommunizieren möchte, nimmt sie an, dass eine ungeduldige Patientin ihren Computer manipuliert, um rasche Hilfe zu bekommen. Die auffällige Emotionalität und die Dringlichkeit, einen Computer missbräuchlich zu verwenden, veranlassen die Psychiaterin zu glauben, dass es sich um eine histrionische Persönlichkeitsstörung mit Aufmerksamkeitsdefizit handelt. Kurzerhand diagnostiziert sie, dass das „Blut“, das Olympe sieht, nur ein Zwangsgedanke in ihrem Kopf sei, um einen extremen Angstzustand zu verarbeiten.
Als Spezialistin auf dem Gebiet der Psychose weiß sie, dass so ein Zustand durchaus heilbar ist. Sie vertröstet Olympe mit einem Akut-Termin auf den nächsten Tag, der sich dafür lohnen wird. Sie werde lernen, wie sie die Wände ihres geistigen Gefängnisses, die sie selber errichtet, wieder abbauen kann.
Die Psychiaterin gibt ihr noch eine kleine Atemübung mit auf den Weg, damit sie ein Gefühl dafür bekommt, mit ihrer grenzenlosen Freiheit im tiefsten Inneren in Berührung zu kommen.
Damit möchte sie nun, sehr mit sich selbst zufrieden, den Feierabend fortsetzen, aber das Computerprogramm lässt sich nicht beenden.
Olympe hakt ein. Sie wisse sehr wohl, was Freiheit bedeute, denn sie hätte dafür gekämpft. Enthusiastisch redet sie sich mit dem Leitprinzip der französischen Revolution "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" in Rage und wirft einer verdorbenen Männergesellschaft, die sie um ihre Rechte betrogen hätte, vor, sie verraten zu haben. In deren männlicher Fassung "Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte" wird die Frau nämlich mit keinem Wort erwähnt. Deshalb musste sie dieses Werk um ihre Fassung" Die Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin" ergänzen und vervollständigen.
In ihren Augen sei sie selbst die ideale Kandidatin, um als Symbol der Unterdrückung und der daraus resultierenden Befreiungsbewegung zu gelten, da sie die am meisten gedemütigte sei. In ihr, der Stellvertreterin der Frauen, spiegele sich das unerbittliche Leid der Unterdrückung am echtesten wider, denn Männer würden sich doch nur genauso herablassend und abwertend gegenüber Frauen verhalten, wie sie es von den Herrschern gewöhnt sind.
Wir erfahren nun, dass sie sich augenblicklich in der Conciergerie, einem französischen Gefängnis, befindet.
Die Psychiaterin nimmt sie von jetzt an ernst und fragt nach ihrem Namen, der aber nach Olympes Angaben nie gefunden werden wird, da diese Halunken alles daran setzen, ihren Namen aus dem Gedächtnis der Menschen zu löschen.
In Anbetracht dieser ausweglosen Situation möchte Olympe nun die "spezielle Methode" der Psychiaterin kennenlernen. Es wäre alles besser, als nichts zu tun, denn sie werde zusätzlich auch noch von Stimmen gequält.
Die Stimmen, die sie wahrnimmt, sind im Grunde nichts anderes als ihre eigenen Zweifel und ihre unbändige Angst vor der bevorstehenden Strafe. Sie melden sich schützend zu Wort und stellen ihrer kämpferischen Natur eine andere Definition von Vernunft gegenüber: nicht die der Abwendung von Gott, nicht die des freien Willens. Diese Vernunft möchte ganz einfach nur das eigene Leben retten. Sie ist die Wertschätzung vor dem Leben, das nicht für ideelle Forderungen geopfert werden darf, auch wenn das Leben Sklaverei bedeutet.
Da das Ziel der Methode der Psychiaterin die totale innere Befreiung von allen Ängsten, die eine Behinderung der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit darstellen, bedeutet, hofft Olympe darauf, von ihr bestärkt zu werden, das Richtige getan zu haben.
Im Verlauf des Gesprächs wird der Psychiaterin aber doch auch bewusst, dass ihr Ansatz der Thematik des 18. Jahrhunderts möglicherweise doch nicht angemessen ist, dennoch hat sich eine aufrichtige Bewunderung dieser Frau und Autorin gegenüber eingestellt, da sie trotz Todesdrohungen mit ihren „gefährlichen“ Schriften mutig dagegenhält. „Trotz widrigster Umstände habe sie das Leben gewählt, das sie als ihre Bestimmung angesehen hat".
Die Psychiaterin möchte aufrichtig helfen. Sie fordert Olympe auf, die wichtigen Punkte ihrer „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ vor ihr, als begeistertem Publikum, vorzutragen, damit ihr das Erlebnis einer wohlwollenden Zuhörerschaft zuteil wird. Sie sieht es als ihren Auftrag an, sie abzulenken und ihr ein erbauendes Gefühl mitzugeben.
Nach einer gelungenen Rede möchte Olympe verschwinden; sie löst sich auf, wird unsichtbar. Nun möchte aber die Psychiaterin sie zurückhalten und fragen, warum sie ausgerechnet zu ihr gekommen ist. Olympe erwidert, sie wollte tief in ihr Unterbewusstsein vordringen, denn dort, tief im Inneren, vor Ihrem inneren Gerichtshof (ihrem Gewissen), werde Ihr Anliegen für immer Bestand haben, denn „Verfassungen seien doch vergänglich“.
Nun entschwindet Olympe für immer, und die Psychiaterin wiederholt verzückt, das Glas Wein erhebend: „Selbstverständlich, selbstverständlich“! Sie werde wie selbstverständlich diese Rechte bewahren und auf sie aufpassen.
A psychiatrist, established in the 5th district of Vienna, concludes her videoconference sessions for the day after a brief conversation with her secretary.
An expressive black-and-white painting of Olympe de Gouges, a women's rights activist and revolutionary of the French Revolution, who is also considered the author of "The Declaration of the Rights of Woman and the Female Citizen, “ appears as a still image, set as a desktop background.
The psychiatrist enjoys a glass of wine, and piano music is playing.
Her gaze rests on this image of another era, when she suddenly perceives screeching. A disturbing noise can be heard directly from the computer.
Suddenly, the painting is coming to life.
The psychiatrist can´t believe her eyes. Rats are bothering the woman sitting in a dimly lit dungeon. Almost instinctively, she asks if she can help.
Struggling for help, Olympe de Gouges states that she hasn't heard a human voice for days. She is currently awaiting her trial, which usually ends with a sentence to the scaffold. She says she can see the blood of other executed prisoners.
The psychiatrist assumes that a nervous patient is hacking into her computer, asking for an emergency date, since she can´t think of a historic character trying to get in touch with her. The severe emotionality and urgency to misuse a computer causes the psychiatrist to diagnose a histrionic personality disorder linked with attention deficit disorder. She furthermore believes that the "blood" is merely an obsession in her mind to process an extreme state of anxiety.
As a specialist in the field of psychosis, she knows that such a condition is entirely curable. She puts Olympe off with an emergency appointment for the next day, promising that the session will be worth it. She will be learning how to demolish the walls of her mental prison, which her mind has built up. As a quick help, the psychiatrist shows her a breathing method to access the boundless freedom deep within herself.
Very pleased with herself, she wants to continue her evening, but the computer won't shut down. Olympe keeps interrupting and adds that she already fought for her freedom. She enthusiastically chants the guiding principle of the French Revolution, "Liberty, Equality, Fraternity," accusing a corrupt male society of betraying her of her rights. She throws in that the male version of the "Declaration of the Rights of Man and of the Citizen" lacks women´s rights.
Therefore, she had to complete the male version with her own version, "The Declaration of the Rights of Woman and of the Female Citizen."
She strongly believes that she herself is the ideal candidate to be considered a symbol of oppression and the resulting liberation movement, since she was the humiliated one. In her, as the representative of women, the relentless suffering of oppression is most truly reflected, for men would only behave in the same condescending manner toward women as their rulers do.
We now learn that she is currently incarcerated in a French prison, the Conciergerie.
From now on, the psychiatrist takes her seriously and asks for her name, which, according to Olympe, will never be found, as these scoundrels are doing everything they can to erase her name from people's memories.
Olympe agrees to learn the psychiatrist's special method, because doing nothing terrifies her. Additionally, she confesses to being haunted by voices.
These voices are essentially her own doubts and her uncontrollable fear of the coming punishment. They seem to be protective and contrast with her definition of „reason“. Not the turning away from God, not the free will is meant to be, but simply the common sense.
This definition of „reason“ wants to save one's life; it is the worth of life, which cannot be sacrificed for an idealistic notion, even if life means slavery.
Since the psychiatrist's goal is the complete inner freedom from all fears that block personal growth, Olympe hopes to be reassured that she made the right decision.
In the course of the conversation, however, the psychiatrist becomes aware that her approach may not be appropriate in dealing with 18th-century subject matter.
Nevertheless, a genuine admiration for this woman and author has arisen, as Olympe courageously stands up against death threats. "Despite the most adverse circumstances, she chose the life she considered her destiny."
The psychiatrist invites Olympe to recite the key points of her "Declaration of the Rights of Woman and the Female Citizen" before an enthusiastic audience, to experience the uplifting feeling of appreciation.
After a successful speech, Olympe disappears.
But now the psychiatrist holds her back; she wants to know why she was chosen over all the shrinks.
Olympe replies that she delved deep into the psychiatrist's subconscious to reach her inner court. Because „Women's Rights“ are not a matter of constitutions, but of conscience. Constitutions are fragile.
Olympe de Gouges vanishes forever.
The psychiatrist raises her glass of wine and keeps repeating "Of course, of course!" promising that she will uphold „Women's Rights“ and look after them forever.